test
18.04.2012

„Mit jeder Investition gehen Unternehmen große Risiken ein“

Investitionen stehen nach einer Zeit der Kostensenkung wieder ganz vorn auf der Agenda von deutschen Unternehmen. Dabei ist der Kauf von Investitionsgütern ein komplexer Prozess und gilt als die „Königsdisziplin des Einkaufs“. Im Interview sprechen Kerkhoff-Consulting-Experte Jens Hornstein und Rüdiger Voß, Einkaufsspezialist der BARD Engineering GmbH, die aktuell den größten Offshore-Windpark in der Nordsee errichtet, über Herausforderungen im Beschaffungsprozess von Investitionsgütern, Kosteneinsparpotenziale und Besonderheiten der Vertragsgestaltung.

 

Unternehmeredition: Herr Hornstein, Herr Voß, Zahlen der Europäischen Kommission zeigen: Investitionen stehen nach einer Zeit der Kostensenkung wieder ganz vorn auf der Aufgabenliste von deutschen Unternehmen. Was ist beim Investitionsgütereinkauf besonders zu beachten?

Hornstein: Der Kauf von Investitionsgütern ist eine sehr komplexe Angelegenheit und wird häufig auch als „Königsdisziplin des Einkaufs“ bezeichnet. Bei Großprojekten, wie dem Bau von Anlagen und Werken, sind im Vorfeld nicht nur die enormen Anschaffungskosten zu berücksichtigen, sondern auch die Kosten für Betrieb und Wartung. Diese müssen bereits vor dem Bau in die Kostenkalkulation mit aufgenommen werden. Dies macht es auch so kompliziert: Sie müssen Kosten über einen langen Zeitraum schätzen. Gleichzeitig müssen Sie Risiken antizipieren, zum Beispiel einen Baustopp oder die nachlassende Verfügbarkeit bestimmter Materialien, die zu noch höheren Kosten führen können. Ohne dass der Einkauf eine umfassende Planung vorlegt, ist ein solches Projekt nicht umzusetzen.

Voß: BARD errichtet aktuell 90 Kilometer nordwestlich von Borkum den größten Offshore-Windpark in der Nordsee. Das Gebiet umfasst 60 Quadratkilometer, wir installieren dort 80 Windräder. Bei Fertigstellung im Jahr 2013 wollen wir 400.000 Haushalte mit der Leistung des Windparks versorgen können. Das heißt: 400.000 Haushalte sind davon abhängig, ob wir diese Investition auf die richtige Art und Weise tätigen. Darum arbeiten bei uns Einkauf und Technik Hand in Hand, um dieses Projekt mit höchster Qualität zu optimalen Kosten und in der dafür eingeplanten Zeit zu realisieren.

Unternehmeredition: Der Beschaffungsprozess bei Investitionsgütern läuft häufig ungeordnet ab, Technik und Einkauf arbeiten aneinander vorbei. Wie kann man das verhindern?

Hornstein: Bei Investitionen geht es um viel Geld, darum ist das stets auf der Agenda der Geschäftsführung. Aber die sitzt sehr häufig zunächst mal nur mit ihren Technikern zusammen. Häufig sind die Geschäftsführer auch Ingenieure und keine Betriebswirte. Der Einkauf von Investitionsgütern ist aber ein Korb mit vielen Bausteinen. Der Techniker sieht meist aber nur sein eigenes Teilgewerk und nicht das große Ganze – vor allem nicht die betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Hier sind die Einkaufsexperten gefragt.

Voß: Der Einkäufer hat nicht nur die technischen Aspekte im Blick, sondern vor allem die betriebswirtschaftlichen und auch juristischen Fragestellungen. Darum ist es nach meinen Erfahrungen wichtig, dass Einkäufer bei Großinvestitionen bereits in der frühen Planungsphase involviert sind. So wird in der Regel ein Wettbewerb zwischen den Anbietern angeregt, der sich positiv auf Qualität und Kosten auswirkt.

Unternehmeredition: Die Anschaffungskosten sind meist gar nicht der größte Kostenblock bei der Beschaffung von Investitionsgütern. Wie müssen die Kosten beim Investitionsgütereinkauf kalkuliert werden und welche Kostenarten spielen eine Rolle?

Voß: Neben den Anschaffungskosten kommen unter anderem Lebenszykluskosten, Inbetriebnahme, Wartung, Versicherung, Installation, Anlaufkosten, Deinstallationskosten und Servicegebühren dazu. All diese Kosten müssen im Vorfeld genau berechnet, beziehungsweise geschätzt, werden. Entscheidend bei Investitionen ist ja der „Return“ auf diese. Und den erhalten Sie eben erst ab dem Zeitpunkt, wo sich Ihre Kosten amortisieren.

Unternehmeredition: Wie genau kann ein Unternehmen beim Investitionsgütereinkauf Kosten einsparen?

Voß:  Wir haben Ihnen ja bereits umfassend dargelegt, wie wichtig das Zusammenspiel von Technik und Einkauf ist. Am Ende entscheiden hier effiziente Prozesse und die richtigen Kommunikationsschnittstellen darüber, wie gut die Abteilungen zusammen arbeiten und damit günstige Preise auf den Märkten erzielen können. Die „harte“ Einsparung findet dann natürlich bei den eingekauften Bauteilen statt. Das ist vom Prinzip her ähnlich wie beim Einkauf von Teilen für die Serienfertigung.

Hornstein: Ich möchte noch einen weiteren Aspekt mit einbringen, der nicht zu vernachlässigen ist. Mit jeder Investition gehen Unternehmen große Risiken ein. Neben der qualitativen Benennung dieser Risiken, muss auch für sie eine Preisformel gefunden werden. Nehmen Sie Beispiel: Sie bauen in einem Land mit instabiler politischer Lage eine Anlage. Wir haben mal den Bau eines Werkes in Libyen begleitet. Dort konnten wir aufgrund eines Streites zwischen Libyen und der Schweiz plötzlich nicht mehr einreisen, weil das Gaddafi-Regime Europäern keine Visa mehr ausgestellt hat. Ergo bedeutet das: Baustopp. Für solche Krisenszenarien müssen Einkäufer auch finanzielle Szenarien entwickeln.

Unternehmeredition: Welche Besonderheiten müssen bei der Vertragsgestaltung beachtet werden?

Hornstein: Auf der juristischen Seite gilt es, besondere Haftungs- und Compliance-Fragen zu beachten. Aufgrund der scharfen Managerhaftung heute – Sie können in Deutschland auch zehn Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen noch belangt werden – müssen Verträge wasserdicht sein. Die Haftungsfragen gilt es, genau zu klären. Vorstände sollten sich auch über Externe eine Entlastung einholen. Sonst kann es ihnen passieren, dass sie für Fehlentscheidungen auch persönlich belangt werden.

Voß: Eine  gesetzliche Gewährleistung ist zwar über § 438 BGB geregelt, aber dennoch sollte eine Haftungsregelung auch noch einmal individuell im Vertrag festgehalten werden. Bei sehr großen Investitionen kommt man um externe Juristen und Berater kaum herum.

Unternehmeredition: Herr Hornstein, Herr Voß, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.


Zu den Personen: Jens Hornstein und Rüdiger Voß
Jens Hornstein ist Partner der Kerkhoff Consulting GmbH und Rüdiger Voß ist Head of Purchasing & Procurement der BARD Engineering GmbH. Kerkhoff Consulting ist eine Unternehmensberatung mit Hauptsitz in Düsseldorf, die sich vor allem auf Einkauf, Beschaffung und Supply Chain Management spezialisiert hat. BARD Engineering GmbH aus Emden ist spezialisiert auf die Planung, Umsetzung sowie den Betrieb von Hochsee-Windparks im Eigenbestand.

Impressum & Datenschutz – Kerkhoff Negotiations GmbH – +49 211 6218061-0 – Elisabethstr. 5 – 40217 Düsseldorf